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Wenn ein Lindenbaum erzählt

Wie alt ich bin, kann ich nicht genau sagen. Mein Alter lässt sich aber, wenn man sich die Mühe macht, über meine Jahresringe schätzen. Vor etwa 120 Jahren stand ich bereits als junges Bäumchen in der Brendallee. Ich habe schöne und weniger schöne Zeiten erlebt, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg, der in meinem Holz seine Spuren in Form von Steinen, Nägeln und Granatsplittern hinterlassen hat.

Die schönste Zeit war nach 1945. Im Sommer wurde dann immer das große Zelt des Zirkus Sarrasani aufgebaut und es herrschte reges Treiben unter meinen schattigen Blättern. Mit dem Neubau des Gymnasiums 1964 in der Brendanlage  kam echtes Leben auf. Die Kinder sprangen um uns Bäume auf dem Pausenhof, es wurde unter den weit ausladenden Ästen gespielt, gelacht und gefeiert. Wir gehörten zur Schule, viele hatten uns lieb gewonnen.

Auch das Hochwasser der Brend machte mir oft zu schaffen. Dann standen im Frühjahr nicht nur der Musiktrakt, sondern auch meine Füße im Wasser und Abenteurer umkreisten mich mit dem Paddelboot. In den vergangenen 14 Jahren wurde ich Augenzeuge zahlreicher Veränderungen und Sanierungen, die 2008 mit dem Erweiterungsbau begannen und 2022 mit der Neugestaltung des Pausenhofs nun endlich  ihren  Abschluss finden. Dann werden auch wieder junge Bäume gepflanzt.

Mit zunehmendem Alter wurde ich immer morscher und hohler, so dass ich wie meine Artgenossen gefällt werden musste. Meine Zeit als Pausenhofbaum ist also vorüber. Zum Glück lebe ich jedoch weiter. Dank der Künstlerin Hannah Arneke, die sich meiner angenommen hat, habe ich eine beeindruckende Metamorphose erlebt. Unter ihren Händen ist aus meinem weichen Lindenholz eine wunderschöne Sitzbank geworden. In der Schulbibliothek habe ich einen gebührenden Platz erhalten, wo ich nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Nachdenken anregen kann. Ganz besonders freut mich, dass mit Hannah eine ehemalige Schülerin, die vor zehn Jahren am Rhön-Gymnasium das Abitur gemacht hat und Holzbildhauerin wurde,  mich zu einem bleibenden Kunstwerk umgeformt hat. Herzlichen Dank.

Es freuen sich über das gelungene Kunstwerk, Initiatorin Frau Dr. Kerstin Vonderau,  Bildhauerin Hannah Arneke und Siegfried Voll vom Verein der Freunde des Rhön-Gymnasiums, der das Projekt finanziell gefördert hat.

Text: Siegfried Voll
Bilder: Matthias Baumbach

Hannah Arneke: 2012 Abitur am Rhön-Gymnasium. 2014 bis 2017 Ausbildung an der Staatlichen Berufsfachschule für HolzbildhauerInnen in Bischofsheim. Seit 2022 selbständige Holzbildhauerin und Yogalehrerin. Homepage https://hannah-an-der-ecke.de/

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